Ein lückenloser Lebenslauf, ein passender Hochschulabschluss und möglichst geradlinige Karriereschritte: Noch immer orientieren sich viele Unternehmen bei der Personalauswahl an klassischen Kriterien.
Doch was, wenn genau diese Kriterien dazu führen, dass spannende Kandidatinnen und Kandidaten aussortiert werden?
Auf LinkedIn hat Fabian Helfenstein dieses Thema kürzlich sehr direkt angesprochen. Seine These: Vielen Unternehmen fehle der Mut, Menschen mit unkonventionellen Lebensläufen einzustellen. Dabei könnten gerade hinter ungewöhnlichen Werdegängen besonders interessante Persönlichkeiten und Fähigkeiten stecken.
Der Beitrag wirft damit eine Frage auf, die für Unternehmen zunehmend relevant wird:
Ist der perfekte Lebenslauf wirklich ein guter Indikator für den perfekten Mitarbeiter?
Nicht zwingend.
Ein Lebenslauf zeigt zunächst einmal, was jemand bisher gemacht hat. Er zeigt aber nur begrenzt, wie schnell jemand lernt, wie er Probleme löst, wie viel Eigeninitiative er besitzt oder wie er mit schwierigen Situationen umgeht.
Gerade ungewöhnliche Lebenswege können Fähigkeiten hervorbringen, die auf keinem Abschlusszeugnis stehen.
Lücken im Lebenslauf müssen kein Warnsignal sein
Eine mehrmonatige oder sogar mehrjährige Lücke wird bei Bewerbungen schnell zum erklärungsbedürftigen Punkt.
Dabei können die Gründe völlig unterschiedlich sein.
Ein beruflicher Neustart. Die Pflege eines Familienmitglieds. Eine längere Reise. Eine persönliche Krise. Eine Selbstständigkeit, die nicht funktioniert hat. Oder schlicht die Erkenntnis, dass der bisherige Karriereweg nicht der richtige war.
Interessanter als die reine Lücke könnte deshalb eine andere Frage sein:
Was hat die Person während dieser Zeit gelernt?
Wer beispielsweise ein gescheitertes Unternehmen aufgebaut hat, besitzt vielleicht keinen beeindruckenden Titel – dafür aber praktische Erfahrung in Verkauf, Kundenakquise, Finanzen, Führung und Problemlösung.
Der Lebenslauf sieht möglicherweise weniger perfekt aus. Das Kompetenzprofil muss deshalb nicht schlechter sein.
Wie wichtig ist ein Studium bei der Personalauswahl?
Auch akademische Abschlüsse dienen Unternehmen häufig als Filter.
Für bestimmte Berufe und Fachgebiete sind entsprechende Qualifikationen selbstverständlich notwendig. In vielen anderen Bereichen stellt sich jedoch die Frage, ob ein Hochschulabschluss tatsächlich die entscheidende Voraussetzung für gute Leistung ist.
Besonders in Bereichen wie Marketing, Vertrieb, Kommunikation, Unternehmertum oder digitalen Geschäftsmodellen können praktische Erfahrung, Lernfähigkeit und nachweisbare Resultate mindestens ebenso interessante Informationen liefern.
Wer Kandidaten automatisch aussortiert, weil ein bestimmter Abschluss fehlt, reduziert zwar die Anzahl der Bewerbungen – möglicherweise aber auch den eigenen Talentpool.
Unternehmen sollten stärker auf Beweise statt auf Lebensläufe schauen
Eine mögliche Alternative ist, bei der Personalauswahl stärker auf tatsächliche Fähigkeiten zu achten.
-Was hat die Person bereits aufgebaut? -Welche Probleme hat sie gelöst? -Welche Resultate kann sie zeigen? -Wie schnell versteht sie neue Zusammenhänge? -Wie geht sie mit Verantwortung um? Und vielleicht besonders wichtig: Was hat sie aus ihren bisherigen Erfahrungen gelernt?
Damit verschiebt sich der Fokus von formalen Voraussetzungen hin zu tatsächlicher Kompetenz.
Unkonventionelle Lebensläufe können einen besonderen Vorteil haben
Menschen, deren Karriere nicht nach Plan verlaufen ist, mussten häufig lernen, mit Unsicherheit umzugehen.
Sie mussten sich neu orientieren, Entscheidungen treffen oder Fähigkeiten ausserhalb klassischer Strukturen entwickeln.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jeder ungewöhnliche Lebenslauf automatisch für besondere Kompetenz steht.
Aber genauso wenig bedeutet ein perfekter Lebenslauf automatisch, dass jemand die beste Person für eine Position ist.
Genau deshalb lohnt sich der zweite Blick.
Die spannendste Bewerbung könnte die sein, die nicht perfekt aussieht
Der LinkedIn-Beitrag von Fabian Helfenstein erinnert an einen wichtigen Punkt: Unternehmen stellen am Ende keine Lebensläufe ein, sondern Menschen.
Abschlüsse, Berufserfahrung und Karriereverläufe liefern wichtige Informationen. Sie sollten aber nicht automatisch zum Ausschlusskriterium werden.
Vielleicht liegt die grössere Chance deshalb nicht darin, die perfekte Bewerbung zu finden.
Sondern darin, Potenzial zu erkennen, das andere Unternehmen übersehen.